Grundsatzreferat zum Heimatkreisreffen 

 am 9. September 2001 in Hude 

 

 

Deutsch-polnische Aussöhnung –  Deutsch-polnische Freundschaft

                Rede, anlässlich des Heimatkreistreffens am 8./9. September 2001 in Hude,  

                  

    von Prof. Stephan Freiger.

 

Heute möchte ich mich an ein sehr schwieriges Thema wagen. Schwierig deshalb, weil es uns Heimatvertriebene besonders emotional betrifft. Es geht um das deutsch-polnische Verhältnis.

Wir hatten 1999 polnische Jugendliche zu einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung in ein Zeltlager nach Hude eingeladen. Im vergangenen Jahr, also 2000, sind wir mit deutschen Jugendlichen zum  Gegenbesuch, auf Einladung der Oberschule Norwida, in Neumark gewesen, haben somit  den deutsch-polnischen Jugendaustausch fortgesetzt. Im März dieses Jahres war eine Delegation des Landkreises Oldenburg – angeführt vom Landrat und Oberkreisdirektor -  auf Einladung des polnischen Landrats, des Starosten, in Neumark. Mitte August war eine polnische Delegation mit dem Landrat des neuen Kreises Neumark (powiat Nowomiejski ) in Wildeshausen zum Gegenbesuch beim Landkreis Oldenburg. Schon viel früher hat Herr Orlovius Kontakte nach Löbau geknüpft, und Geld für die Johanneskirche in Löbau, die frühere evangelische Kirche – heute katholisch – gesammelt.

Alle Aktivitäten haben, neben der Pflege der eigenen deutschen Vergangenheit, das Ziel, Aussöhnung und Freundschaft mit Polen zu fördern.

Sicher sind nicht alle Landsleute davon begeistert. Mancher wird sich denken, da wird Freundschaft gesucht zu Polen und viel Geld ausgegeben für polnische Jugendliche, also für Jugendliche von Polen, Jugendliche eines Staates, der uns vertrieben, unser Eigentum geraubt hat und uns bis heute unsere Heimat vorenthält - der vielen  unendliches Leid angetan hat und nicht wenigen das Kostbarste, das Leben, nahm. Wie kann man Freundschaft mit  einem solchen Volk knüpfen? Auch unsere wenigen deutschen Landsleute, die heute noch in Neumark wohnen, könnten sagen, kümmert Euch um uns und unsere Jugend und nicht um die Polen.

 Nun, auch ich teile das Schicksal aller deutschen Vertriebenen. Auch meine Familie wurde ihrer angestammten Heimat, ihrer Grundstücke und Häuser in Danzig-Oliva beraubt. Und noch schlimmer, meinen Großvater väterlicherseits  - er war gerade 68 Jahre alt geworden –  haben Polen 1945 ins Danziger Gefängnis Schießstange gesteckt und dort zu Tode geprügelt! Auch ich könnte mehr Abneigung – zumindest mehr Distanz - als Wohlwollen gegenüber denen  aufbringen, die zu dem Volk gehören, dass uns dieses angetan hat.

 Im folgenden will ich versuchen, eine Erklärung dafür zu geben, warum ich – trotz alledem - eine ehrliche Aussöhnung und Freundschaft mit Polen suche und dafür arbeite: Voraussetzung dafür – also den Versuch der Erklärung – ist die Akzeptanz,  das deutsch-polnische Verhältnis auf zwei Ebenen zu diskutieren, der persönlich-emotionalen und der politischen.

Betrachtet man das Ganze nur aus der Perspektive der persönlichen Betroffenheit, ist ein Standpunkt nachvollziehbar, der darin gipfelt: mir und meiner Familie ist durch Polen Unrecht geschehen und ich will deshalb von Polen nichts wissen. Wenn dann von Politikern – wie letztlich von Innenminister Schily auf dem Schlesiertreffen - darauf  hingewiesen wird, dass auch Polen unter Deutschen während der Zeit von 1939 bis 1945 gelitten haben, werden die meisten sagen können: „Dass das von Deutschen begangen wurde, ist sehr schlimm, aber ich selbst und meine Familie haben keinem Polen etwas getan. Außerdem rechtfertigen die Verbrechen von Deutschen an Polen nicht die Verbrechen der Polen an Deutschen.“ Damit könnte man es bewenden lassen.

Anders aber, wenn man die ganze Geschichte auf eine andere Ebene hebt, - nämlich aus der persönlich-emotionalen heraus -  in die Interessensphäre der Gesellschaft, auf die  politische Ebene. Da müssen wir konstatieren, dass der Verlust Ostdeutschlands zuallererst ein Verlust für alle Deutschen ist - und dann erst ein Verlust für die Heimatvertriebenen. Deutschland verlor über ¼ seines Staatsgebiets und das Siedlungsgebiet von 18 Millionen Deutschen; ca. 15 Mill. Deutsche mussten im Restdeutschland aufgenommen werden. [Wir müssen aber auch konstatieren, dass dieser Verlust der deutschen Staatsführung unter Hitler zuzuschreiben ist.] 

 Unsere Nachbarn taten und tun sich mit Deutschland nicht nur wegen der letzten Kriege schwer.  Seine Existenz war und ist die Herausforderung. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Frankreich, England und Russland bis 1871  „die Weltmächte“ waren.  1871 gelang es, die deutschen Länder in einem deutschen Staat – einem Bundesstaat – zusammenzufassen. Mit dieser Reichsgründung entstand in der Mitte Europas der mächtigste Staat Europas. Ein Hineinregieren der Nachbarn, wie zu Zeiten des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ war nicht mehr möglich, schlimmer noch : ein „Rivale“ trat auf die Weltbühne.

Der erste Weltkrieg hat, neben anderem,  hierin seine Ursache. Und die Siegermächte haben mit dem Versailler Vertrag die Gelegenheit genutzt, Deutschland zu stutzen und damit zu schwächen. Der Wiener Kongreß – 100 Jahre zuvor - war mit dem besiegten Napoleonischen Frankreich sehr viel humaner umgegangen, Frankreich musste keinen Quadratmeter in Europa abgeben, blieb in seinen Grenzen erhalten.

Man kann durchaus die These vertreten : Es ging in den letzten 130 Jahren um die Vorherrschaft in Europa.

Es ist ein Irrtum, zu glauben, mit der Gründung der  EU wäre dieses Denken in der europäischen Politik beendet. Auch in der EU geht das Gerangel weiter, wie der französische Präsident  CHIRAC  bei den letzten Verhandlungen über die Veränderungen der Stimmengewichtung in Gremien der EU bewiesen hat.  Glücklicherweise bedeuten, dank der EU, diese Gerangel keine Kriegsgefahr mehr. Und auch die Versuche von England und Frankreich, die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern, basieren auf diesem Denken und liegen erst 11 Jahre zurück. Beispiele, die sicher allen bekannt sind. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit: Der Britische Abgeordnete der Konservativen, Sir Peter Tapsell (71),  verglich im Mai dieses Jahres die Vision Kanzlers Schröders von einem neuen Europa  mit Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Dies war dann auch der Startschuß für eine breit angelegte anti-deutsche  Kampagne in britischen Medien, wie der „Mail of Sunday“, die sich verstieg, zu schreiben, die britischen Soldaten in Mitteleuropa erhielten ihre Befehle vom deutschen  Nato-Europa-General Rainer Schuwirth aus Görings Wehrmachts-Bunker.

 Es scheint, einige EU-Mitglieder reiben sich heute daran, dass Deutschland – innerhalb der EU - die größte und wirtschaftlich stärkste Nation Europas ist und – nach dem Beitritt der osteuropäischen Staaten - in der Mitte der EU liegen wird. Und gerade wegen dieser Lage Deutschlands, seiner wirtschaftlichen Größe und seiner Vergangenheit,  muß jede deutsche Regierung viel behutsamer und stiller die deutschen Interessen vertreten, als es andere Länder tun können. Laute nationale Sprüche, wie sie etwa von England oder anderen Ländern zu hören sind, dürfen sich deutsche Politiker nicht leisten.

Also, Freundschaft mit allen europäischen Nationen zu erreichen und zu sichern ist  gar nicht so einfach. Selbst in Dänemark hat es erheblichen Widerstand beachtlicher nationaler Gruppen gegen den gutgemeinten Versuch zur Bildung einer grenzüberschreitenden (deutsch-dänischen) Europäischen Region – wie es auch in anderen Teilen Europas versucht wird -  gegeben, weil sie den Namen Schleswig tragen sollte. (Bekanntlich gehört Nord-Schleswig – früher Teil des deutschen  Reiches -  seit der Abstimmung nach dem ersten Weltkrieg zu Dänemark, Süd-Schleswig verblieb bei Deutschland – heute Teil Schleswig-Holsteins).

Natürlich wird von weitblickenden Politikern versucht, die europäische Integration weiterzuführen und letztendlich zu einem Staatsvolk – einer Nation - der Europäer zu kommen, weil ihnen klar ist, nur ein vereintes Europa kann auf Dauer seine Stellung in der Welt halten.  Aber das ist   - so es überhaupt gelingt - ein langer Weg.

Auf Grund unserer geographischen Lage – im Herzen der EU gelegen – ist es geradezu zwingend für uns Deutsche, ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zu unseren  zukünftigen östlichen EU-Mitgliedern aufzubauen und zu pflegen. Wohlgemerkt, es ist zwingend für uns Deutsche. Daß die Regierungen sich verstehen, genügt nicht. Die Menschen – die Bürger – müssen zueinander Vertrauen gewinnen. Und wer kann das besser in bezug auf Polen und die Polen  in unserer alten Heimat, als die ehemaligen deutschen Bewohner. Wir kennen die Landschaft, wir kennen die Geschichte, besonders auch die Geschichte des letzten Jahrhunderts, und wir kennen auch etwas die Mentalität und die Eigenarten der heute dort wohnenden Polen. In unserem Kreis und im Kulmerland insgesamt sind es ja überwiegend noch die Polen, die schon früher dort wohnten und deren Nachkommen. Wer im Kreis Neumark vor 1945 gelebt hat, der hat polnische Nachbarn gehabt, polnische Bekannte, ja vielleicht auch polnische Freunde. Und manch einer hat auch polnische Verwandte. 

Und deshalb wiederhole ich: wer in Deutschland könnte es besser, eine Aussöhnung und gutnachbarliche Beziehungen mit Polen zu erreichen,  als die, die einstmals dort lebten! Wenn dies  von Deutschen, die keine oder nur wenige Kenntnisse von Ostdeutschland und der Geschichte im Osten haben, also wenn die Kooperation mit Polen ohne die Vertriebenen,  gesucht wird – was auch manchem Polen lieber ist – so verführt dies unsere Nachbarn nur dazu, ihre eigene Geschichte mit ihren eigenen Verfehlungen ruhen zu lassen und nicht aufzuarbeiten. Letztendlich ein Mangel für die moralische Glaubwürdigkeit in Europa. Im deutschen Interesse liegt das gewiß auch nicht.

Ein Volk hat ein langes Gedächtnis  – auch wenn es in Deutschland heute etliche Lücken im eigenen Geschichtsbewusstsein  gibt – letztendlich kommt es bei passender oder unpassender Gelegenheit wieder hoch. Dann können historische Fakten zur Volksverhetzung missbraucht werden. Deshalb lieber vorher die Geschichte, auch die unangenehmen Teile, in wohlwollender Partnerschaft aufarbeiten. 

Das ist meine These.     

Und mit den Verbrechen von Polen an Deutschen ist es ja genauso wie mit den Verbrechen von Deutschen an Polen. Die Mehrheit der Polen, wie auch die Mehrheit der Deutschen, hat keine Verbrechen begangen. Für die jüngeren Generationen gilt das allemal.  Wichtig ist es , alles zu tun, dass Verbrechen, wie in der Vergangenheit, nicht wieder passieren können.

Ich habe bisher ganz bewusst das deutsch-polnische Verhältnis vom deutschen nationalen Interesse betrachtet. Mir geht es darum, deutlich zu machen, dass wir mit unseren Aktivitäten eine nationale Aufgabe erfüllen. Aber eine nationale Aufgabe, die nicht gegen andere Nationen gerichtet ist. Im Gegenteil, diese nationale deutsche Aufgabe ist gleichermaßen eine europäische Aufgabe. Denn natürlich ist eine derartige, auf Freundschaft mit den Nachbarn ausgerichtete  deutsche Politik auch beruhigend und nützlich für unsere Nachbarn, besonders auch für Polen. Denn was ist für Polen bedeutungsvoller, als die deutsche Garantie für die Unverletzlichkeit der Westgrenze Polens?

 Und mir geht es letztendlich um das Wohlergehen aller Völker im vereinten Europa. Meine Erwartungen an Polen, wohlgemerkt keine Forderungen, sondern Erwartungen einer Entwicklung im ureigensten Interesse Polens, sind:

1. Demokratisierung aller Lebensbereiche. 

2. Anerkennung des deutschen Anteils an der Entwicklung der ehemaligen deutschen Gebiete und Pflege der übernommenen Kulturschätze. Das erste wird langsam begonnen, das zweite erfolgt bereits: z.B. Danzig, z.B. Marienburg.

Das 3. das ich für wichtig halte, ist: Aufarbeitung der eigenen Geschichte, das Aufzeigen eigener Verfehlungen und die  Korrektur nationalistischer Geschichtsklitterungen, z.B.: Grunwald war kein Sieg Polen über Deutschland sondern über den Ordensstaat!

 

Es ist erfreulich festzustellen, dass die polnische Gesellschaft seit 11 Jahren bestrebt ist, die Geschichte objektiv darzustellen. Einige Beispiele mögen das belegen:

 1.)  Das „Institut für nationales Gedenken“  (IPN) in Warschau (Siehe Frankfurter Rundschau vom 9. Mai 2001)  soll polnische Verbrechen aufarbeiten. Zitat der Zeitung: „Polnische Verfehlungen in der Vergangenheit werden seit Jahren erforscht, die Ergebnisse veröffentlicht und debattiert – immer öfter ohne Scheuklappen“.

2.)  Das Massaker von Lamsdorf (Schlesien). Der frühere Kommandant eines Nachkriegslagers für Deutsche steht vor Gericht (Spiegel Nr. 23/ 2.6.01).

3.)  Ermordung von 1600 jüdischen Mitbürgern am 10. Juli 1941 im ostpolnischen Dorf Jedwabne durch die polnischen Dorfbewohner. In diesem Falle zeigt es sich, wie schwer es vielen Polen fällt, Verbrechen der eigenen Nation anzuerkennen. Der Polnische Präsident Kwasniewski hat die Gedenkrede gehalten und sich bei den Juden entschuldigt, die Dorfbewohner blieben weg und auch Vertreter der polnischen Kirche – die sonst überall zugegen sind - fehlten.

Es tut sich aber auch etwas bezüglich der Einstellung der Polen in unserer alten Heimat zu den Deutschen: Im letzten Drewenzboten berichteten  wir von einer öffentlichen Befragung in Neumark, bei der die Bürger kundtun sollten, wen sie für die bedeutendste  Person des 20. Jahrhunderts in Neumark halten. Der einzige Deutsche, der auf der Vorschlagsliste stand, der Arzt Dr. Lange aus Lonk, der das Neumarker Krankenhaus eingerichtet hat und sein Gut  dem Kreis schenkte, bekam die meisten Stimmen, d.h., ihn hält die Bevölkerung von Neumark für die bedeutendste Persönlichkeit ihrer Stadt.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, die Bedeutung unserer Arbeit, eine Aussöhnung mit Polen zu erreichen und Freundschaft zu Polen und den polnischen Bewohnern in unserer alten Heimat zu knüpfen, deutlich zu machen.

Und ich füge hinzu: Wir haben schmerzhaft erfahren, dass kriegerische Auseinandersetzungen mit unseren Nachbarn nichts als Leid bringen und begriffen, dass Deutschland, in der Mitte Europas gelegen, gut beraten ist, Freundschaft zu allen Nachbarn zu suchen und zu halten und dass die  Vereinigung Europas in der EU eine Chance für dauerhaften Frieden in Europa und vor allen Dingen Frieden mit unseren Nachbarn, Frieden für Deutschland ist.

 

Und noch etwas, Heimat bleibt Heimat! Auch wenn wir sie  jetzt nur noch besuchsweise erleben können, ist es angenehm, Freunde zu treffen, auch polnische Freunde.

 


Zurück zum Anfang

<< Zur Seite Reden und Vorträge

<< Startseite